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Geschlecht und
Macht
Im Juni 2000 bilanzierte die
Generalversammlung der UNO in New York die Lage der Frauen auf der
Welt. Die Versammlung beurteilte, wo die Beschlüsse der letzten
Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking
erfolgreich umgesetzt worden sind und wo nicht. Natürlich bewerten
die Regierungen die Lage positiver als die
Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Doch unter dem Strich würden
wohl die meisten Beteiligten unterschreiben, dass sich die Situation
von Frauen in den letzten zehn Jahren eher verschlechtert hat. Das
belegen vielfältige Zahlen über steigende Gewalt gegen Frauen und
ihre wachsende Armut. (Weltweit sind 60 Prozent der eine Milliarde
Armen in ländlichen Regionen Frauen. Ihre Zahl verdoppelte sich in
den letzten 20 Jahren, während die Zahl armer Männer „nur“ um 20
Prozent zunahm).
Die kleinen Erfolge, die es zu verzeichnen gibt, liegen vor allem
auf dem Gebiet der rechtlichen und politischen Gleichstellung. Seit
1995 haben einige Länder diskriminierende Regelungen im Zivil- und
Strafrecht aufgehoben. Dennoch sieht die Lage auch bei der
politischen Präsenz von Frauen nicht gut aus: In Westeuropa (ohne
Skandinavien) sind in den nationalen Parlamenten nur 14 Prozent der
Abgeordneten Frauen, in Nord- und Südamerika 15 Prozent. Selbst bei
Politik und Rechtsprechung, dem Terrain, auf dem sich viele
Frauen-NGOs engagiert haben, weil sie hier die größten
Reformmöglichkeiten sehen, stehen viele Rechte bisher nur auf dem
Papier.
Der globale Rahmen bringt Missstände und eine scheinbar unveränderte
Machtverteilung zwischen den Geschlechtern ans Licht, die oft gar
nicht mehr wahrgenommen werden. Er verdeckt aber auch
Differenzierungen und Widersprüche zwischen Frauen oder politische
und gesellschaftliche Lern- und Denkprozesse. So erscheint es
letztlich sogar plausibel, dass nach Peking keine weitere
Weltfrauenkonferenz geplant ist. Denn die globale Bilanz wirkt
schnell im Sinne einer Ansammlung von Defiziten – im Leben von
Frauen und bei ihrem politischen Engagement.
Ein vollständigerer und widersprüchlicherer Blick ergibt sich erst,
wenn man nicht „die Frauen“, sondern die Geschlechterverhältnisse
ins Auge fasst, also das, was meist unter dem Begriff Gender gefasst
wird.
Nicht zuletzt auch über die UN-Konferenzen haben Feministinnen
erreicht, dass der Blick auf „Geschlechterverhältnisse“ sich
gegenüber jenen Ansätzen durchgesetzt hat, die Frauen der Männerwelt
einfach hinzufügen wollen. Allerdings ist die Analysekategorie
Gender auf dem Weg durch die internationalen Institutionen auch
weichgespült und ihres herrschaftskritischen Potentials beraubt
worden.
Besonders in der Entwicklungspolitik wird der Begriff mittlerweile
immer öfter bestenfalls zur Geschlechterdifferenzierung und zur
Bestimmung der Geschlechterrollen benutzt, nicht selten gilt er
einfach als Synonym für Frauen. Damit findet eine Art diskursiver
Machtverteilung statt: Die Ohnmacht ist weiblich, die Macht ist
männlich. Wenn der Titel dieses Bandes von „Geschlecht und Macht“
spricht, dann meint er aber vor allem die Frage:
Wie wird über Geschlecht Macht hergestellt und welche Veränderungen
erleben diese Konstellationen? Wie haben neoliberale
Strukturreformen und Globalisierung die Lebensbedingungen für Frauen
und Männer verändert? Was ändert sich dabei an „typisch weiblichen“
und „typisch männlichen“ Rollen, und welchen Einfluss hat dies auf
das Machtgefüge von Gesellschaft und Geschlechtern? Das bedeutet,
nicht nur Frauenrollen in den Blick zu nehmen, sondern auch
Männerrollen, wie zum Beispiel das für Lateinamerika prägende
Phänomen des Machismo. Dabei sind die Entwicklungen und
Besonderheiten der lateinamerikanischen Frauenbewegungen und ihr
Einfluss auf die Herrschaftsverhältnisse zu beleuchten.
Das verlangt, auch Macht zwischen Frauen zu analysieren. Und das
heißt nicht zuletzt, immer genau hinzusehen, wie wichtig Geschlecht
im Vergleich zu anderen Kategorien ist. Also weder Frauen allein auf
ihr Frau-Sein zu reduzieren, noch Männer nur als Männer zu sehen.
Die großen UN-Konferenzen sind für die lateinamerikanischen
Frauenbewegungen ein viel wichtigerer Referenzpunkt gewesen als für
die Frauenbewegungen anderer Kontinente. Von der ersten
Weltfrauenkonferenz
1975 in
Mexiko gingen starke Impulse für die zweite Welle der
Frauenbewegungen in Lateinamerika aus. Man braucht die Konferenz nur
oberflächlich zu betrachten, um zu sehen, wie sehr sich die
Geschlechterverhältnisse seither gewandelt haben. Den Regierungen
fiel damals noch nichts besseres ein, als Präsidentengattinnen zu
schicken: von den Philippinen kam Imelda Marcos, aus Israel Lea
Rabin und aus Pakistan Nusrat Bhutto.
Wie weit die Vorstellungen über den „Frauenkampf“ damals auseinander
lagen, zeigt auch die Beschreibung der bolivianischen
Bergarbeiterfrau Domitila in ihrem Buch „Wenn man mir erlaubt zu
sprechen“, das damals in der Frauen- und Solidaritätsbewegung ein
breites Publikum fand. Domitila zeigte sich darin entsetzt, dass
auch Prostituierte und Lesben ans Mikrophon traten, um sich gegen
die Ausbeutung durch Männer zur Wehr zu setzen. Für Domitila waren
die Prioritäten klar: es ging ihr darum, an der Seite von Männern
gegen Imperialismus, Ausbeutung und Armut zu kämpfen; feministische
Analysen waren da zweitrangig oder gänzlich abwegig.
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In den 25 Jahren seit dieser Äußerung haben die lateinamerikanischen
Frauenbewegungen ungeheuer viele und dichte Debatten produziert,
sowie verschiedenste Strömungen und soziale Schichten integriert. So
hat der einzigartige feminismo popular der siebziger und achtziger
Jahre akademische Feministinnen und Vertreterinnen eines „Feminismus
des Überlebens“ (Rodenberg 1999) verbunden, beispielsweise mit den
Frauen, die in den Armenvierteln die Komitees für ein Glas Milch am
Tag und Volksküchen organisieren.
Zudem haben sich die Frauenbewegungen in Lateinamerika oft nicht
nur als Teil, sondern vielfach sogar als Motor der
gesellschaftlichen Opposition gegen die Militärdiktaturen der
achtziger Jahre entwickelt und wurden so zu einer starken, die ganze
Gesellschaft prägenden politischen Kraft. Indem sie – wie etwa die
Mütter der „Verschwundenen“ – ihr gesellschaftliches Engagement mit
ihren persönlichen und familiären Bindungen begründeten,
redefinierten sie das Politische und stellten die Trennung von
privater und öffentlicher Sphäre in Frage. „Die Tatsache, dass der
Terror der Militärs die Heiligkeit der Familie verletzte, gibt dem
Konzept ‚das Private ist politisch’ eine ganz besondere Bedeutung.“
(Jane S. Jaquette [Hrsg.], The Women's Movement in
Latin America.
Feminism and the Transition to Democracy, Boston 1989, S. 205). Das
klingt auch in der schon während der Diktatur erhobenen Forderung
der Chileninnen nach „Demokratie im Land – Demokratie im Haus“ an.
Frauen sind in den meisten lateinamerikanischen Ländern auch heute
ein entscheidender politischer Faktor. Die Oppositionsbewegungen
gegen die Diktaturen hatten das Politikmonopol der Parteien
gebrochen. Mit der Erosion des formalen Wirtschaftssektors und
seiner Arbeitsverhältnisse haben in Lateinamerika vielfach auch die
traditionell männlich bestimmten Gewerkschaften an Bedeutung
verloren. Gleichzeitig ist der politische Einfluss von organisierten
Indígenas, Frauen, Menschenrechtsgruppen und Konsumgemeinschaften
gewachsen (vgl. hierzu auch den Länderbericht Ecuador). Dies alles
vollzieht sich vor einer katastrophalen wirtschaftlichen Lage.
Globalisierung, verstanden als Deregulierung und Liberalisierung der
Handels-, Finanz- und Arbeitsmärkte, hat die wirtschaftlichen
Ungleichheiten verschärft. Dadurch haben sich auch die
Geschlechterverhältnisse radikal verschoben. Zwar wächst die Zahl
der armen Frauen weltweit, gleichzeitig sind immer mehr Frauen
erwerbstätig. Feminisierung der Arbeit heißt das in der UN-Sprache.
Auch in den lateinamerikanischen Zentren gibt es eine kleine, neue
weibliche Mittelschicht, so genannte Gewinnerinnen der
Globalisierung. Doch beträgt die allgemeine Lohndifferenz zwischen
Frauen- und Männerarbeitsplätzen immer noch circa 40 Prozent. Der
größte Teil dieser neuen „weiblichen“ Arbeitsplätze befindet sich im
extrem ungeschützten, „flexiblen“ Dienstleistungssektor sowie
zunehmend in der Maquila, den exportorientierten Weltmarktfabriken
der schnell anwachsenden Freihandelszonen. Dass sich diese
Entwicklung unmittelbar auf die Geschlechterverhältnisse auswirkt,
zeigt ein Beispiel aus Honduras:
Industriearbeiterinnen berichteten dort, dass die Ehemänner am
Zahltag vor den Toren der Fabrik warteten und abkassierten. Einige
Männer hätten sogar aufgehört zu arbeiten, seit die Frauen Geld
verdienten (Christa Wichterich, Die globalisierte Frau, Hamburg
1998). Das Beispiel zeigt, wie sehr die Rede von Gewinnern und
Verlierern der Globalisierung durch die Geschlechterverhältnisse
durchkreuzt wird. Der Mann verliert an Ansehen und Einkommen, wenn
formal abgesicherte „männliche“ Arbeitsplätze verschwinden. Die Frau
gewinnt an Einfluss, wenn schlechter bezahlte „weibliche“
Arbeitsplätze zunehmen. Wer von beiden dabei tatsächlich an Macht
gewinnt, hängt zum Beispiel davon ab, wer über das Einkommen
bestimmt oder ob der Mann sich an der Hausarbeit beteiligt.
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Auch die Migration hat ein weibliches Gesicht bekommen. Seit den
neunziger Jahren steigt die Zahl der Lateinamerikanerinnen, die sich
auf der Suche nach besser bezahlter Arbeit als in der Heimat auf
eigene Faust ins Ausland, vorzugsweise nach Nordamerika, aber
zunehmend auch nach Europa begeben. Die meisten von ihnen schlagen
sich ohne Ausweispapiere und ohne die nötigen Sprachkenntnisse
durch.
Damit sind sie auf Niedriglohnjobs im Reinigungs-, Hotel- und
Gaststättengewerbe oder auch in der Sexindustrie festgelegt. Von
ihrem Einkommen lebt nicht selten die gesamte Familie in der Heimat.
Ihr Leben in der Fremde ist von der Angst vor den Ausländerbehörden,
von Isolation und nicht selten von rassistischer Diskriminierung
gekennzeichnet; aber die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufstieg
fördert auch großen Einfallsreichtum zutage und lässt sie eine
Vielfalt an Strategien entwickeln, mit denen sie den Alltag meistern
und lebenswichtige Kontakte knüpfen, zugleich aber auch wichtige
soziale Beziehungen über enorme Distanzen aufrecht erhalten können.
Männer reagieren auf diese Veränderungen der sozialen Position von
Mann und Frau verstärkt mit Gewalt zur Aufrechterhaltung ihrer –
verloren gegangenen – Autorität. Neuere Untersuchungen zeigen, dass
häusliche Gewalt dort besonders groß ist, wo die Frau die
Haupternährerin der Familie ist (Elisabeth Jelin, Las familias en
América Latina, in: Familias en el siglo XXI, ISIS, No. 20, Santiago
November 1994, S. 75-106).
Es ließe sich die These wagen, dass Frauen deshalb tendenziell
besser mit den neuen „flexiblen“ Bedingungen zurechtkommen als
Männer, weil sie bereits in der Vergangenheit viel häufiger sehr
unterschiedliche Lebensanforderungen gleichzeitig meistern mussten.
Dazu passt, dass bis zu 80 Prozent der sozialen Bewegungen in
Lateinamerika von Frauen getragen werden.
So erscheinen auch die Frauenbewegungen Lateinamerikas vielfach
politisch lebendiger als die europäischen. Dies sollte nicht
idealisiert werden, sondern zur Auseinandersetzung anregen. Unter
anderem wäre ein entspannteres Verhältnis zur Quote zu entdecken,
als hierzulande. Während sich die gesellschaftliche Stimmung in den
USA und Europa mittlerweile wieder gegen die „positive
Diskriminierung“ richtet, haben lateinamerikanische Frauen in den
neunziger Jahren weit reichende rechtliche Regelungen durchgesetzt.
In Argentinien, Brasilien, Costa Rica, Ecuador, Bolivien und Peru
wurden Quoten gesetzlich vorgeschrieben, in Chile werden sie
diskutiert. Diese Regelungen werden von Frauen unbefangen
wahrgenommen, aber auch von Männern zur Durchsetzung politischer
Ziele benutzt. In Ecuador ist eine Reihe qualifizierter Frauen auf
diesem Weg in die Parlamente gelangt, 1998 wurde Nina Pacari von der
Indígena-Partei Pachakutik sogar Vizepräsidentin des Parlaments. In
Peru hingegen versuchten einige Parteien mit blonden
Fernsehansagerinnen auf den für Frauen reservierten Listenplätzen
Punkte zu machen. Kurzum, die Quote fungiert nicht primär als
Ballast oder Makel, sondern als durchaus widersprüchlich
einsetzbares politisches Instrument. Anregend in dieser Hinsicht ist
auch das Frauenparlament in Mexiko, in dem sich nationale und
regionale weibliche Abgeordnete aller Parteien versammeln, um
Gesetzesinitiativen und politische Initiativen gegen Diskriminierung
auszuarbeiten. Die starke symbolische Kraft dieser Versammlung wurde
dadurch betont, dass 1.300 Frauen sie am 8. März 1998 im nationalen
Parlament durchführten.
Geschlechterverhältnisse sind immer auch Machtverhältnisse, aber wie
alle Machtverhältnisse sind sie nicht unwandelbar, und die Beiträge
in diesem Band wollen das Augenmerk gerade auf die Veränderungen
richten. Sie zeigen dabei, dass der Wandel nicht ohne Konflikte
abgeht: die herkömmlichen patriarchalen Strukturen widersetzen sich
der gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe beider
Geschlechter. Aber die Diskussion um Geschlecht und Macht ist
eröffnet.
Einen kenntnisreichen und spannenden Überblick über die Entwicklung
des lateinamerikanischen Feminismus gibt Gaby Küppers. Sie geht bis
auf die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurück und weist so darauf hin,
dass die Geschichte der Frauenbewegung viel älter ist als das, was
unter den „neuen sozialen Bewegungen“ gefasst wird. Sie beschreibt
die großen Diskussionen und Kontroversen der zweiten Welle der
Frauenbewegungen seit 1975 bis zum kontinentalen
Feministinnentreffen im November
1999 in
der Dominikanischen Republik und setzt sie in Zusammenhang mit den
unterschiedlichen sozialen und politischen Entwicklungen in den
einzelnen Ländern.
Sonia Alvarez analysiert den Boom feministischer
Nichtregierungsorganisationen in Lateinamerika. Sie zeichnet die
gesellschaftlichen Prozesse nach, die zur „Arbeitsteilung“ zwischen
der Basisbewegung und „professionellen“ Feministinnen führten, und
zeigt Möglichkeiten und Gefahren der professionalisierten
Lobbyarbeit auf. Ihre Schlussfolgerung: Die Anbindung an die Basis
ist eine unerläßliche Voraussetzung für die feministischen NGOs, um
sich nicht durch zunehmende staatliche Einbindung kooptieren zu
lassen oder als Surrogat der Bewegung gehandelt zu werden.
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Susanne Schultz setzt sich kritisch mit dem Dilemma feministischer
NGOs auseinander, die über international finanzierte Programme eine
große Aufwertung erfahren, aber dafür auch Praktiken mittragen, die
ihren eigentlichen Anliegen fundamental widersprechen. Konkret
analysiert sie ein bevölkerungspolitisches Programm in Peru, in
dessen Rahmen zwischen 1995 und 1998 nicht weniger als 300.000
Frauen sterilisiert wurden. Die großen feministischen NGOs des
Landes, die an dieser Kampagne beteiligt waren, konnten sich erst
spät zu einer kritischen Haltung durchringen – ein Fall, der die von
Sonia Alvarez geäußerte Gefahr der Vereinnahmung feministischer NGOs
eindringlich illustriert.
Die andere Seite dieser Medaille zeigen Kathya Araujo, Virginia
Guzmán und Amalia Maurol. Insgesamt sechzehn lateinamerikanische
Staaten haben inzwischen Gesetze zur Bekämpfung innerfamiliärer
Gewalt angenommen. Am Beispiel Chiles stellen die Autorinnen dar,
wie feministische NGOs Einfluss auf staatliche Institutionen
ausgeübt und den politischen Kampf um die Demokratisierung von Staat
und Gesellschaft erfolgreich mit der Forderung nach wirkungsvollen
Gesetzen gegen häusliche Gewalt verknüpft haben.
Den Einfluss der Theorien von Judith Butler, Pierre Bourdieu und
Robert Connell auf die sozialwissenschaftliche Forschung von
Männlichkeitskonstruktionen in Lateinamerika diskutiert der Aufsatz
von Martha Zapata. Als wichtigstes Ergebnis haben diese Ansätze zu
einer Dekonstruktion der Konzepte von Macho und Machismo geführt.
Schließlich zeigt die Autorin am Beispiel Mexikos und der Zapatisten
einige Schwierigkeiten der Männlichkeitsforschung auf.
Ein Beispiel für angewandte Männlichkeitsforschung ist Andreas
Goosses’ Analyse der Männlichkeitsbilder beim sandinistischen
Guerillero Omar Cabezas, dessen Buch Die Erde dreht sich zärtlich,
Compañera zu einem der Lieblings-Schmöker der hiesigen
Solidaritätsbewegung wurde. Angesichts von Goosses’ Untersuchung,
die anhand des Romans die Rolle der Guerilla als rite de passage im
Rahmen lateinamerikanischer Stereotypen von Männlichkeit bloßlegt,
erweist sich der Titel der deutschen Ausgabe nachträglich geradezu
als Irreführung der Leserinnen und Leser.
Monika Krause-Fuchs hat als ehemalige Direktorin des Nationalen
Zentrums für Sexualerziehung in Kuba die Sexualpolitik des Landes
entscheidend geprägt. Aus dieser Innensicht gibt sie einen sehr
speziellen Einblick in die Geschlechterverhältnisse einer
Gesellschaft, über der auch nach der Revolution „ein
Männlichkeitskult wie ein Schleier“ liegt. Und sie beschreibt auch
die Schwierigkeiten und Widersprüche der staatlichen Sexualpolitik
im Cuba Socialista.
Angela Meentzen untersucht die Kleidung von Aymara-Frauen in Peru
als Ausdruck für vielfältige Vorstellungen von Weiblichkeit und
ethnischer Zugehörigkeit. Die Trachten verweisen auf den sozialen
Druck, dem die Frauen ausgesetzt sind. Im Vergleich dazu können sich
die Männer freier bewegen. Bei näherer Betrachtung kommen jedoch
unerwartete Widersprüche, vielfältige Optionen und vielschichtige
Bedeutungen zum Vorschein, die auch auf wachsende
Differenzierungsprozesse unter den Frauen hinweisen.
Wie es um die Umsetzung der Strategiekonzepte von „mainstreaming
gender“, das heißt, einer durchgängigen Geschlechterperspektive in
der Entwicklungszusammenarbeit, bestellt ist, untersucht Claudia von
Braunmühl. In den frauenpolitischen Entwicklungsorganisationen des
Nordens hat sich die Diskussion um die Praxis des Gender-Ansatzes
verfangen in den Anstrengungen, die Geschlechterperspektive in der
Entwicklungspolitik zu institutionalisieren.
Dabei kam der politische Gehalt von „empowerment“, also dem Zugewinn
an Gestaltungsmacht von Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen,
weitgehend abhanden. Die neue feministische Diskussion –
insbesondere in Lateinamerika – fordert die Repolitisierung des
Gender-Ansatzes und einen Wandel in der Interaktion zwischen
feministischen NGOs, staatlicher Bürokratie und Frauenbewegung. Die
Autorin verdeutlicht, dass dabei die Gestaltung der Schnittstellen
zwischen diesen drei Akteuren besonderes Gewicht erhält.
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